"Mein Bruder ist bekloppt und die Sozialheinis geh´n mir auf die Nerven"



"Das ganze Getue um Behinderte regt mich mittlerweile nicht mehr auf. Aber jetzt will man aus mir einen bedauernswerten Menschen machen, und das geht mir auf den Geist. Ich bin so genannt "normal", nur eben mit einem bekloppten Bruder. Und plötzlich interessieren sich all diese Sozialleute und Therapeuten und wie sie sich alle nennen für jemanden wie mich.


Die wollen mir helfen, sich meiner Sorgen und Nöte anzunehmen, und daher sage ich mir, die sind nicht mehr ganz dicht. Mir geht´s nämlich ganz gut, und meinem Bruder übrigens auch. Da hat mich mal einer gefragt, ob ich Aggressionen gegen meinen Bruder hätte, weil ich ihn manchmal Dödel oder so nenne. Vielleicht gehört sich das ja nicht, aber er ist nun mal das Doofchen in der Familie; das heißt ja nicht, dass er nicht geliebt wird. Manchmal ist er uns übrigens auch haushoch überlegen, und das weiß er auch. Und ich habe ihm schon eine geknallt, weil er mir immer wieder meine Sachen kaputt macht, das finde ich aber normal, und deshalb bin ich noch lange kein brutales Schwein. Schließlich kloppe ich mich auch mal mit meinem Bruder.


Ich will damit nicht sagen, dass es allen so gehen muss wie mir, wir sind eben alle verschieden. Aber ich möchte doch das verdammte Recht haben, die Sache so zu sehen, wie ich sie eben sehe.


Was sollen mir die Sozialheinis denn Neues erzählen können?


Meine Mutter zum Beispiel hat Unmengen von Büchern über die Behinderungen, Therapien und so gelesen. Und sie holt auch immer wieder Hilfe von irgendwelchen Fachleuten.


Kann sein, dass ihr das gut tut, es hat meinem Bruder bestimmt auch geholfen, ich hab´ ja gar nix dagegen. Aber irgendwo hört's auf. Jetzt lag da so ein Buch, wo es um Arbeit mit Geschwistern behinderter Kinder ging, und das hat mir den Rest gegeben.


Und dann kam da noch so ein Fragebogen vorn Behindertenverein ins Haus geflattert, ob wir Interesse hätten, mal ein Wochenende mit anderen Geschwistern behinderter Kinder zu verbringen. Und ob wir an Informationen interessiert wären, wie wir besser mit unseren behinderten Geschwistern zurecht kommen könnten. Ist das jetzt Mode, oder spinnen die? Ich lebe seit Jahren mit meinem Bruder zusammen, da lernt man doch automatisch, wie man miteinander am besten klarkommt. Was wollen die mir denn erzählen? Interessiert mich nicht. Und dann soll ich ein ganzes Wochenende opfern, am besten öfters im Jahr, um in so albernen Gruppen und so Seminaren endlos über unseren Alltag zu labern? Nein danke. Kann es sein, dass diese Sozialheinis sich irgendwie aufspielen wollen, oder haben die Angst, dass ihnen die Arbeit ausgeht?


Okay wenn man Hilfe braucht, ist es ja nicht schlecht, wenn es Leute gibt, die man fragen kann, aber immer wieder die gleiche Leier, dieses klebrige Mitleid, ja verdammt noch mal, wir leiden doch gar nicht. Das ist unser Alltag. Außerdem hat jeder mal Streß, der eine, weil die Eltern sich scheiden lassen, der andere, weil keine Kohle da ist oder weil die Versetzung gefährdet ist, weil die Freundin abgehauen ist, weiß der Geier, und ich bin manchmal genervt von der Behinderung meines Bruders, na und? Ich hab mich einmal mit so einem Therapeuten unterhalten. Wegen der Unruhe bei uns am Mittagstisch, die mein Bruder macht: Er hat mir Tipps gegeben, wie ich etwas ändern könnte. Das klang alles ganz gut, psychologisch durchdacht oder so, aber gebracht hat es nichts. Es hat überhaupt nicht funktioniert. Es hat uns nur noch mehr gestresst, dass wir es ändern sollten. Dann haben wir es lieber wieder wie vorher gemacht, mein Bruder ist eben einfach laut und unruhig beim Essen, ist doch egal, ich schalte einfach ab, dann geht das. Und um das rauszukriegen, brauch ich doch keinen Sozialheini.


Ob einer behindert ist oder nicht ist doch scheißegal


Ich glaube, es gibt da einen großen Fehler, den die Leute machen. Ob einer behindert ist oder nicht ist doch eigentlich scheißegal. Ich glaube nicht, dass das Leben von Behinderten schwerer ist als das von so genannten "Normalen". Mein Bruder zum Beispiel hat keinen Stress mit Schulnoten, er muss bei uns zu Hause weniger helfen, und er macht Sachen, die ich mir nicht leisten könnte, ohne Ärger zu kriegen. Trotzdem habe ich keine Lust, von irgend jemandem bedauert zu werden, weil es angeblich so schwer ist mit so ´nem Bruder. Na klar ist es geil, wenn mein Bruder mal ein Wochenende weg ist und die ganze Family Ruhe hat, das ist wie Ferien. Na klar habe ich mir oft Gedanken gemacht, wie es wäre, wenn er in ein Heim ginge und wir unsere Ruhe hätten, na klar musste ich schon oft auf irgendwas verzichten, weil mein Bruder die volle Aufmerksamkeit brauchte, und es gab auch 'ne Zeit, wo ich mich geschämt habe, neue Freunde mit zu mir nach Hause zu nehmen, weil ich nicht wollte, daß die mitkriegen, wie es bei uns zugeht Aber es gibt ja auch Vorteile. Ich habe, glaube ich, mehr Freiheit, meine Alten haben gar nicht so viel Zeit alles zu kontrollieren, ich kann viel mehr als die meisten Schulfreunde alleine entscheiden, und ich kann mich schief lachen wenn ich sehe, wie die Leute Angst vor Behinderten haben. Die haben eben einfach keine Ahnung.


Vielleicht ist die Angst der Leute vor so Menschen wie meinem Bruder das eigentliche Problem. Wenn aber alle ein bisschen Kontakt zu behinderten Leuten hätten, gäb's bestimmt weniger Probleme. Dann wäre das nämlich alles einfach normal."


Julius


aus: Sozialpolitik Forum Nr. 23, 4.12.1998


zurück zur Textübersicht