Wo liegen die Risiken für Geschwister?
Die wichtigsten Studien zur psycho-sozialen Situation der Geschwister behinderter Kinder stammen von Dr. Waltraud Hackenberg.
Hier ein Auszug aus einem Interview mit ihr:
Wo liegen Ihrer Meinung nach die hauptsächlichen Risiken für die Geschwister?
Eine große Gefahr sehe ich in der Überforderung. Viele Eltern erwarten von ihren nichtbehinderten Töchtern
und Söhnen sehr früh viel Selbständigkeit. Sie ziehen sie zur Mithilfe heran, übertragen ihnen oft auch schon
zu früh zu viel Verantwortung.
In der Regel wollen die Kinder ihren Eltern helfen. Sie erkennen ja meist,
wie schwierig die Situation ist. Also geben sie sich Mühe, die Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen. Mir
hat ein Kind gesagt: "Mit mir sollen Mama und Papa keine Mühe haben. Ich will nicht ihr zweites Sorgenkind
sein." Eine solche Einstellung führt schließlich zur Selbstüberforderung. Denn so viel kann gar kein Kind
leisten wie das, was es sich selbst in seiner übergroßen Hilfsbereitschaft vornimmt.
Eine andere große Gefahr ist meiner Meinung nach die emotionale Vernachlässigung der nichtbehinderten Kinder
durch die Eltern. Die Kinder verhalten sich meist sehr angepasst. Sie tun, was man ihnen sagt. Sie
"funktionieren" reibungslos. Die Eltern, die ja selbst stark belastet und überfordert sind, denken, alles
ist in Ordnung, und erkennen nicht, dass dieses Verhalten auf Überangepasstheit beruht. Sie schauen deswegen
nicht genau hin, erkennen Probleme, die ihre nichtbehinderten Kinder haben, oft gar nicht oder zu spät.
Grundsätzlich ist es wichtig, dass das Geschwister als Individuum angesehen wird, mit eigenen Interessen und
Bedürfnissen - und nicht als Ersatz oder Trost für die Eltern. Letzteres führt zur Selbstentfremdung des
Kindes und stellt ein hohes Risiko für spätere psychische Erkrankungen dar.
Wovon hängt es ab, ob die Entwicklung eines Geschwisterkindes positiv verläuft, also zu mehr Reife und
sozialer Belastbarkeit führt, oder negativ, das heißt Schuldgefühle und Verbitterung hervorruft?
Das ist eine ganz komplexe Frage, wo Anlagen des Kindes, Familienkonstellation, Familienatmosphäre, soziales
Umfeld und das Vorhandensein anderer Belastungsfaktoren (zum Beispiel schwierige ökonomische Situation,
schwere Krankheiten oder Todesfälle) zusammenspielen.
Ein wichtiger Faktor ist sicherlich die elterliche
Lebenszufriedenheit, besonders die Zufriedenheit der Mutter mit ihrer Rolle und auch ihre Verarbeitung der
Behinderung. Großen Einfluss hat auch die Art der Kommunikation in der Familie, also wie offen über die
Behinderung gesprochen wird. Dazu gehört auch die Einbeziehung der Kinder in die Entscheidung, wie die
Zukunft der behinderten Schwester, des behinderten Bruders aussehen soll. Manche Eltern sagen ihren Kindern
nicht, dass sie vorhaben, die behinderte Tochter oder den behinderten Sohn in ein Heim zu geben. Die
Geschwister fühlen sich dann überrumpelt, reagieren häufig mit Schuldgefühlen.
Oder aber: Die Geschwister
beziehen Schwester oder Bruder bereits mit ein in ihre eigene Zukunftsplanung, nicht ahnend, dass ihre
Eltern bereits einen Wohngruppenplatz beantragt haben. Auch das führt zu Frust und Missverständnissen.
Die spezifische Aufgabe der Geschwister behinderter Kinder liegt darin, in ihrer Entwicklung ein
Gleichgewicht zwischen Altruismus und Selbstbehauptung zu finden. Jede Verschiebung zu einem der Pole
kann die psychische Stabilität gefährden.
Auszug aus dem Buch:
Ilse Achilles, "...und um mich kümmert sich keiner", Verlag Piper, München 1995
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