Sonja (23 J.) erzählt über ihre behinderte Schwester Michaela (17 J.)

Meine Schwester Michaela kam im siebten Monat als Frühgeburt zur Welt. Kurz nach der Entbindung bekam Michaela epileptische Anfälle und eine Gehirnblutung. Dadurch verbrachte sie die ersten Monate ihres Lebens im Krankenhaus auf der Intensivstation. In dieser Zeit durfte ich Michaela nicht sehen und als sie endlich nach Hause kam freute ich mich wahnsinnig auf das "neue" Geschwisterchen.


Ich weiß nicht wann ich begriff, dass Michaela eine geistige Behinderung hatte und ob das für mich jemals wirklich eine Rolle gespielt hat. Für mich war Michaela immer so wie sie eben ist und genau so habe ich sie lieb.


Es war nicht immer einfach


Die ersten Jahre mit Michaela als Schwester waren für mich nicht immer einfach. Michaela hatte unzählige Arzttermine, Krankengymnastiksitzungen, Ergotherapien und ähnliches.


Meine Eltern taten alles um Michaela zu fördern. Für mich blieb da natürlich nur wenig Zeit. ich erinnere mich daran, dass ich mir in schwierigen Situationen als Kind oft wünschte auch behindert zu sein, um genauso viel Aufmerksamkeit zu bekommen wie meine Schwester. Aber obwohl ich noch klein war, schämte ich mich bei solchen Gedanken sofort. Schlimm waren für mich auch Michaelas Wutausbrüche.


Am meisten machte es mir dabei zu schaffen, wenn sie ihre Wut gegen sich selbst richtete. Gegen diese Autoaggression waren meine Eltern und ich machtlos und diese Handlungsunfähigkeit belastete mich oft sehr.


Es gab mehr schöne als schlechte Zeiten


Aber auch wenn es oft schwierig war, wäre es falsch nur die negativen Seiten aufzuzählen, denn das Leben mit Michaela hatte und hat noch immer viel mehr schöne als schlechte Anteile. Ich konnte mit Michaela auch schon als Kind immer wahnsinnig viel lachen. Je mehr Unsinn ich machte umso mehr freute sich Michaela und ich erinnere mich an Tage, an denen wir stundenlang in den Betten unserer Eltern herumtobten, mit Kissen warfen und wie "gewöhnliche" Schwestern waren.


Michaela ist ein sehr fröhliches Mädchen und sie konnte sich schon immer über Dinge freuen, die wohl kein anderes Kind aus dem Häuschen gebracht hätten. Diese Freude steckt alle Menschen um sie herum immer wieder an und man bemerkt die schönen Kleinigkeiten, die einem sonst nie auffallen.


Schon als kleines Kind war Michaela immer meine Verbündete und sie erfuhr alle meine kleinen Geheimnisse, die sonst niemand wissen durfte. Michaela ist eine tolle Zuhörerin und auch wenn ich nur selten eine adäquate Antwort bekam, hatte ich doch immer das Gefühl, dass sie mir helfen konnte.


Als ich vor etwa zwei Jahren von Zuhause auszog, fiel mit der Abschied von Michaela am schwersten. Ich hatte ihr als Kind immer versprochen sie nie alleine zu lassen und immer auf sie aufzupassen und in der ersten Zeit nach meinem Auszug fühle ich mich wie eine Verräterin.


Ein enges Gefühl der Verbundenheit


Wenn ich heute meine Eltern und meine Schwester besuche merke ich aber, dass die enge Verbundenheit zwischen Michaela und mir immer noch da ist und ich habe das Gefühl, dass Michaela verstanden hat, dass ich meinen eigenen Weg gehen musste.


Ich wünsche mir für Michaela, dass auch sie ihren eigenen Weg gehen kann und dass sie mit ihren bald 18 Jahren die Möglichkeit finden wird ein selbständiges Leben, wenn auch mit Unterstützung von anderen Menschen, zu leben.


Ich bin Michaela und auch meinen Eltern für vieles dankbar und ich wünsche mir, dass das Leben mit Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft nicht länger als Belastung sondern vielmehr als das was es ist, nämlich als Bereicherung, gesehen wird.


Sonja Ullmann


aus: Lebenshilfe Info 1/2000 der Lebenshilfe e.V.


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